Nachrichten aus der Gemeinde

20.000 Besuche in 40 Jahren / Wenn die Kirche an die Tür klopft

Idsteiner Besuchsdienstkreis feiert 40-jähriges Jubiläum

Am 27. Oktober feiert der Besuchsdienstkreis der Evangelischen Kirchengemeinde Idstein sein 40-Jähriges Jubiläum. Bettina Klaucke ist seit Anbeginn dabei. Elfriede Michel gehört dem Team 34 Jahre an, Margarete Fischer 32 Jahre. Dazwischen sitzt Brigitte Krekel, die den Kreis seit zehn Jahren leitet und insgesamt 20 Jahre Besuchsdiensterfahrung hat. Sie sitzen an einem einladend gedeckten Tisch und sprechen über ihre Erfahrungen der letzten Jahrzehnte. Alle vier Damen blühen auf, wenn sie über den Besuchsdienstkreis und ihre ehrenamtliche Tätigkeit sprechen. Man merkt ihnen an, dass ihr Engagement eine Herzensangelegenheit ist. Ebenfalls vor 40 Jahren wurden die Diakoniestation Idstein (heute Diakoniestation Idsteiner gGmbH) und der Förderverein der Diakoniestation gegründet. Das zeigt, welch‘ hohen Stellenwert die diakonische Arbeit in der Hexenturmstadt einnimmt.

Das diakonische Engagement im Besuchsdienstkreis ist nach wie vor ungebrochen. 24 Personen, plus die beiden Pfarrer absolvieren zwischen 450 und 700 Besuche pro Jahr, rechnet Leiterin Brigitte Krekel vor.

 

Diakonische Arbeit als Schwerpunkt

„Im Schnitt sind die Mitarbeitenden des Besuchsdienstkreises 70 Jahre alt“, gibt Brigitte Krekel zu. Aber ans Aufhören denkt noch keine von Ihnen. „Beim 50. Jubiläum will ich mich dann vielleicht doch zur Ruhe gesetzt haben“, überlegt Bettina Klaucke mit ihren 83 Jahren. Über 400 intensive Gespräche und Besuche habe sie in ihren 40 Jahren bestimmt schon geführt, resümiert sie. Wenn nicht mehr.

Am 26. Oktober 1979 wurde der Kreis auf Initiative vom damaligen Gemeindepfarrer Martin Weyer-Menkhoff gegründet. Zuvor gab es schon einen informellen Besuchskreis, der Menschen aus der Gemeinde besuchte. Weyer-Menkhoff war es wichtig, die Arbeit offiziell zu implementieren und dadurch seine Bedeutung zu festigen.

Auch Bettina Klaucke, damals 40 Jahre jung, gehörte zu denen, die „vom Pfarrer freundlich angefragt“ wurden, ob sie nicht mitmachen wolle. Sie sagte sofort zu, trotz ihrer Bedenken bezüglich ihres Alters: „Eigentlich fühlte ich mich damals zu jung“, gibt sie zu. Aber dennoch stieg sie ein.

Im Laufe der Jahre sind bestimmt über 20.000 Besuche unternommen worden, so die Mitarbeiterinnen. Wurden zu Beginn noch die Gemeindeglieder ab 75 Jahren besucht, so ist das Alter seit 2018 auf 80 Jahre angestiegen. „Glückwunschkarten gibt es aber weiterhin ab 75 Jahren“, so Krekel. Runde Geburtstage und Ehejubiläen werden von den beiden Pfarrpersonen besucht.

Auch die Neuzugezogenen erhalten einen persönlichen Gruß der Kirchengemeinde. Über 1.300 Neuzugezogene sind es allein in der Zeit zwischen 2012 und 2019 gewesen, bestätigt Brigitte Krekel. Waldemar Markert (83), einer von zwei aktiven „Besuchsdienstherren“, bereitet diese Informationen für die Neuzugezogenen vor. „Über die Neuzugezogenen-Post erreichen wir auch viele Studentinnen und Studenten“, erklärt Margarete Fischer. 23 Jahre war sie Gemeindesekretärin in Idstein; als sie in den Ruhestand ging, übernahm sie von 1996 bis 2008 die Leitung des Besuchsdienstkreises.

 

„Man weiß nie, was einen hinter der Tür erwartet“

„Man weiß nie, was einen hinter der Tür erwartet“, beschreibt Fischer die Situation für die Besucherinnen. Zudem sei es ein sehr großer Unterschied, ob man die Menschen zu Hause besuche oder etwa im Altenheim.

„Gestern erst war ich im Altenheim, um eine Dame zu besuchen, die 83 Jahre geworden ist“, so Fischer. Die Dame habe ganz passiv im Rollstuhl gesessen und überhaupt nicht auf die Ansprache von Margarete Fischer reagiert. So sei das sehr lange gegangen. Erst als Fischer ihr die Glückwunschkarte mit dem Kreuz gab, regte sich die Dame. Und ihre Finger zeichneten behutsam die Linie des bunten Kreuzes nach. „Ich kann nicht weggehen, ohne das Gefühl zu haben, dass ich an die Leute rangekommen bin und der Besuch wahrgenommen wurde“, betont Fischer, die ebenfalls 83 Jahre alt ist.

Die Glückwunschkarten lässt der Kreis von der Idsteiner Künstlerin Simone Michel extra gestalten, jedes Jahr neu.

„Es sind sehr unterschiedliche Erlebnisse“, bestätigt auch Elfriede Michel, die sich seit Jahrzehnten zudem noch im ökumenischen Kleiderlager engagiert und regelmäßig ins Krankenhaus geht, um Patienten zu besuchen. Jeden Montag um 15 Uhr werden Menschen in der Idsteiner Helios-Klinik besucht, die keine Angehörigen, wenig Besuch haben oder einsam sind.

 

Unterschiedlichste Erlebnisse an der Tür

Nicht immer trifft man jemanden an, manche wollen nicht öffnen, andere bekommen die Haustür vor der Nase zugeschlagen, mit manchen kann man immerhin kurz an der Tür ein paar Worte wechseln und bei anderen bleibt man lange zum Gespräch. Es gibt Menschen die erschrecken, wenn „die Kirche sie besuchen kommt“ und sagen dann: „Ich bin doch gar nicht so alt“, oder „Ich will doch noch nicht sterben.“ Hin und wieder warten die zu Besuchenden sogar mit Essen auf die Damen und die beiden Herren des Besuchsdienstkreises.

„Wir haben schon alles erlebt“, erzählt Margarete Fischer. Wenn niemand da ist oder öffnen will, dann hinterlassen die Ehrenamtlichen zumindest einen schriftlichen Gruß.

„Man hat so seine „Kunden“, die einen schon sehnsüchtig erwarten. Vor allem die Einsamen, die niemanden mehr haben, der mit ihnen Geburtstag feiert“, erklärt Klaucke. Manche der Besuchten freuen sich ganz besonders auf die „Heftchen“, die die Ehrenamtlichen zum Besuch mitbringen. „Es einige, die sammeln die ganz akribisch und fragen danach, welches Heftchen man diesmal mitbringe, so Brigitte Krekel. Die Auswahl der Hefte mit Gebeten, Gedichten und Gedanken obliegt ebenfalls der Leiterin. „Die wählst Du immer toll aus!“ erhält sie unisono Lob „ihrer“ Damen.

 

Technische Herausforderungen verändern sich

Auch mit 40 Jahren Besuchs-Erfahrung müsse man sich jedes Mal persönlich vorbereiten, erklärt Bettina Klaucke. Vor allem dann, wenn man die besuchende Person noch nicht kennt. „Das ist immer spannend und ein bisschen aufregend“.

Die technischen Herausforderungen seien ebenfalls gestiegen. In einigen Neubaugebieten gibt es die Klingelschilder nur noch elektronisch, da muss man sich bei den Mehrfamilienhäusern schon mal durch die vielen Namen „durchscrollen“, so Krekel. Bei anderen Häusern führe der Aufzug direkt ins Wohnzimmer, das ist auch sehr ungewohnt. Und es gibt immer mehr Videoanlagen, die die Besucherinnen erst einmal überwinden müssten. Trotz aller Hürden und manch weniger schönen Erfahrung „werden wir jedes Mal beschenkt“, fasst Margarete Fischer die Erfahrungen der Arbeit zusammen.

 

Austausch ist wichtig

Alle zwei bis drei Monate treffen sich die 24 ehrenamtlich Mitarbeitenden und tauschen sich über ihre Erfahrungen und „dem, was auf dem Herzen liegt“, aus. Brigitte Krekel hat dann die von Gemeindesekretärin Isolde Sponer zusammengestellten neuen Listen dabei, und dann wird besprochen, wer wen besuchen geht. Meist besuchen die Ehrenamtlichen die Menschen, die sie selbst gut fußläufig erreichen können. Aber manchmal gehe es auch hoch her, wer wen besuchen darf oder will, verrät Bettina Klaucke mit einem Augenzwinkern. Die Leiterin, Brigitte Krekel erinnert sich an einen Mann, der sehr, sehr weit draußen im Wald an den Bahngleisen wohnte. Da sei sie dann gegangen, weil sie ein Auto hatte. Und sie habe sicherheitshalber ihren Mann mitgenommen, gibt sie zu. „Das Gespräch war sehr, sehr nett“, freut sich Krekel.

Wenn man weiß, dass der Partner erst kürzlich verstorben ist oder die Person schwer krank ist, dann übernehmen auch Pfarrerin Dr. Daniela Opel-Koch oder Pfarrer Tim Fink den Besuch.

 

Auch Täuflinge erhalten Gruß

In Idstein erhalten zudem alle Täuflinge in den ersten vier Jahren zum Tauftag einen persönlichen Gruß der Kirchengemeinde. Auch diese Karten schreibt und bereitet der Besuchsdienstkreis vor, hauptsächlich Brigitte Krekel und Erika Stanke. „Im Juli und August haben wir richtig viel zu tun“, erzählt Krekel. Sind es doch im Jahr etwa 120 Karten, die zu schreiben sind. Pfarrerin Opel-Koch geht damit nicht selten in die Kindergärten und überreicht den Gruß an die Kinder persönlich.

All‘ diese Kontakte der Kirchengemeinde, seien es persönlicher oder schriftlicher Art, „nehmen die Menschen in der Gemeinde wahr“, ist sich Krekel sicher „Es ist eine schöne Aufgabe, solange die Hüfte es zulässt“, fasst Bettina Klaucke zusammen.

Die Besuchsdienstdamen und die Besuchsdienstherren werden aber auch selbst besucht. Das übernimmt Brigitte Krekel einmal im Jahr. Auch darüber hinaus sorgt sie für eine gute Atmosphäre im Team. Es gibt Ausflüge, das traditionelle Eis-mit-Erdbeeren-Essen, sowie ein großes Buffet zu Beginn des Jahres, bei dem die leckeren „Käsefüße“ (eine Art herzhaftes Gebäck, Anm. d. Red.), nicht fehlen dürfen. „So hält Brigitte uns alle bei der Stange“, lobt die 83-jährige Margarete Fischer ihre Leiterin. Hinzu kommen Schulungsmöglichkeiten wie beim Dekanatsbesuchsdiensttag, der in diesem Jahr am 14. September in Idstein stattfindet.

Mit all dem Engagement und den Aufgaben ist der Besuchsdienstkreis seit Jahrzehnten ein Aushängeschild für die Gemeinde. Auch die beiden Pfarrer sind sehr dankbar für die großartige Unterstützung durch den Kreis.

 

Am 27. Oktober wird das 40-Jährige Jubiläum mit einem Festgottesdienst mit Dekan Klaus Schmid um 10.30 Uhr in der Unionskirche gefeiert. Dabei werden insgesamt 18 Mitarbeitende des Besuchsdienstkreises für ihr Engagement offiziell mit der Ehrenurkunde der EKHN ausgezeichnet. Im Anschluss feiern die Besuchsdienstmitarbeitenden mit ihren Gästen im Gemeindehaus. Pfarrer Lutz Krüger, Studienleiter des Zentrums für Seelsorge und Beratung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), reist extra zum Jubiläum an und wird zu den Gästen sprechen.

 

     Christian Weise

 

Geballte Besuchsdiensterfahrung (v.l.): Bettina Klaucke, Brigitte Krekel, Margarete Fischer und Elfriede Michel. Und die selbstgestaltete Glückwunschkarten. (Fotos C. Weise)

Losung

Losung und Lehrtext für Sonntag, 20. Oktober 2019:

Ich will einen ewigen Bund mit meinem Volk schließen, dass ich nicht ablassen will, ihnen Gutes zu tun.
Jeremia 32,40

So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.
Römer 9,16


Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?

Mt 16,26 (L)